Choraufstellungen – Ein Überblick

C. Choraufstellung und Chorklang

Sobald eine Choraufstellung vom Chorleiter bewusst gewählt bzw. verändert wird kann man – aus dem Englischen entlehnt – von Arrangieren sprechen. Wang (2006) unterscheidet hier zwei Bereiche:

Makro-Arrangement: Die Position eines Sängers innerhalb des Chors wird auf Grund seiner Stimmgruppen-Zugehörigkeit festgelegt.

Mikro-Arrangement: Die Position eines Sängers wird auf Grund individueller Merkmale festgelegt wie z.B. Klangfarbe, Sicherheit, Notenlesefähigkeit.

1. Makro-Arrangements

Es folgen Formationen in Stimmgruppen, sowie gemischte und hybride Chorformationen.

Chorformationen in Stimmgruppen (sectional block)

Es gibt eine Fülle von Varianten einen Chor in Stimmgruppen aufzustellen. Tocheff führt in seiner Übersicht 27 verschiedene Stimmgruppen-Formationen auf (1990, S.55 ff.), die allesamt von Chorleitern in Büchern oder Artikeln beschrieben und auch benutzt wurden. Einige dieser Formationen sind für mehrchörige oder mehr als vier-stimmige Chorstücke ausgelegt. Der folgende Abschnitt beschränkt sich hingegen auf die gängigsten Formationen für vierstimmig gemischten und gleichstimmigen Chor.

Eine sehr weit verbreitete Chorformation (A) zeigt Abbildung 1. Eine übliche Abwandlung dieser Formation besteht darin, den Tenor- und Bassblock miteinander zu vertauschen, um eine bessere Kopplung der Außenstimmen zu erreichen, was einen positiven Effekt auf die Intonation des ganzen Chors haben soll. Die Form ist kompakt und begünstigt die Hörbarkeit der Bassstimme für alle anderen Stimmen. (Tocheff, 1990, S.55; Göstl, 2006, S.82)

Abb. 1: Stimmgruppen-Formation A
Abb. 1: Stimmgruppen-Formation A

Bei einstimmigen Chören (Männer, Frauen- und Kinderchöre) hat sich Formation B etabliert, aber auch bei Gemischten Chören kann eine solch horizontale Formation Sinn machen. Gegenüber Formation A können sich die tieferen Stimmen hier nicht mehr hinter den Oberstimmen „verschanzen“. Die Präsenz jeder Stimmgruppe wird gleichermaßen unterstützt. Die dirigentische Hinwendung ist zu allen Stimmen gleich leicht und auch un- missverständlicher möglich. Ein weiterer Vorzug kann das Gegenüber der Außenstimmen sein. (Göstl, 2006, 82 f.)

Abb. 2: Stimmgruppen-Formation B
Abb. 2: Stimmgruppen-Formation B

Auch hier ist es Praxis einen Platztausch der Stimmgruppen z.B. zu SBTA vorzunehmen mit der Hoffnung auf verbesserte Intonationsbedingungen (Tocheff, 1990, S.58). Formation B ist jedoch für große Chöre ungeeignet. Sie ist breiter als A und verliert ihre Vorzüge, sobald der Chor in mehr als drei Reihen stehen müsste. Auch sind Chöre mit stark unterschiedlich großen Stimmgruppen mit dieser Chorformation nicht gut beraten.

Gemischte Chöre leiden häufig unter Männermangel. Dem geschuldet ist Chorformation C. Gerade bei kleinen Bassgruppen begünstigt die Position in der hinteren Mitte die Hörbarkeit der Bassstimme für alle anderen Stimmen. Andere Stimmen können so besser zum Bass intonieren und ihre eigene Lautstärke anpassen. (Tocheff, 1990, S.56)

Abb. 3: Stimmgruppen-Formation C
Abb. 3: Stimmgruppen-Formation C

Sopran und Alt sind hier räumlich getrennt, was gerade in Räumen mit kurzen Nachhallzeiten zu Problemen beim Blending der Frauenstimmen führen kann. Bei noch kleineren Männergruppen modifiziert man diese Aufstellung dahingehend, dass die Bässe neben die Tenöre in die vordere Position rücken und von den Frauenstimmen hinten umschlossen werden. Auch zahlenmäßig sehr unterlegene Männergruppen haben so eine Chance noch gehört zu werden. (Tocheff, 1990, S.59 ff.)

Gemischte Chorformationen

Formen der gemischten Chorformation sind die Quartettformation, zufällig-gemischte Choraufstellungen und solche nicht-zufällig-gemischten Aufstellungen, die durch Hilfe von Mikro-Arrangement entwickelt werden (siehe Seite 18).

Eine Quartettformation, auch „amerikanische“ Choraufstellung genannt (Göstl, 2006), zeigt Abbildung 4. Der Chor ist zu Quartetten zusammengestellt worden, in denen jede Stimmgruppe einmal vertreten ist. Formationen dieser Art sollen die Eigenständigkeit der Sänger fördern, da sie keine Hilfe aus ihrer Stimmgruppe erhalten. Weiter wird erwartet, dass auch Intonation, Blending und Balance durch die Hörbarkeit aller Stimmen erleichtert wird.

Abb. 4: Quartettformation (Jones,1967 in Tocheff, 1990, S.69)
Abb. 4: Quartettformation (Jones,1967 in Tocheff, 1990, S.69)

Auch bei zufällig-gemischten Chorformation (random mixed/scrambled) ist es üblich, dass niemand neben einem Sänger aus der eigenen Stimmgruppe steht, wie es auch Abbildung 5 zeigt. Sozusagen „Zufällig mit Einschränkungen“.

Abb. 5: Zufällig-gemische Formation
Abb. 5: Zufällig-gemischte Formation

Einige Autoren weisen darauf hin, dass die Wahl der Chorformation mit Bedacht erfolgen sollte. So wird bezüglich gemischter Chorformationen auf die Gefahr hingewiesen, schwächere Sänger dadurch noch weiter zu verunsichern, einzelne gar zu traumatisieren (Göstl, 2006, S. 83). Dabei sollen doch gerade gemischte Formationen dabei helfen, unsichere Sänger dazu bewegen, ihre Chorstimme selbstständig, also ohne die Hilfe der Stimmgruppe darzubieten. Dagegen sehen sich Formationen in Stimmgruppen der Kritik ausgesetzt, Abhängigkeiten schwächerer Sänger von ihren stärkeren Nachbarn in der Stimmgruppe zu begünstigen (Tocheff, 1990, S.55).

Die wichtigsten Aspekte für und gegen die beiden Aufstellungsformen werden zur besseren Übersicht stichpunktartig zusammengefasst (Tocheff, 1990, S.54 ff.):

Stimmgruppen-Formationen

  • Verkürzt die Einstudierungszeit, weil a) die eigene Produktion ständig mit der der restlichen Stimmgruppe verglichen werden kann und b) unsichere Sänger sich an ihren sichereren Nachbarn orientieren können.
  • Erleichtert Blending und Balance innerhalb der Stimmgruppe.
  • Anzeigen der Einsätze durch den Chorleiter in Richtung der jeweiligen Stimmgruppe möglich.
  • Begünstigt Abhängigkeiten.
  • Erschwert Intonation und freie Tonproduktion, da die Hörbarkeit anderer Stimmgruppen und der eigenen Stimme durch den quasi-unisono Gesang innerhalb der eigenen Gruppe beeinträchtigt ist.
  • Ein einziger Sänger kann die gesamte Stimmgruppe negativ beeinflussen, indem andere Sänger z.B. seine schlechte Intonation zugunsten von Blending innerhalb der Stimmgruppe mitvollziehen.

Gemischte Formationen

  • Fördert und fordert die Eigenständigkeit der Sänger.
  • Erleichtert Balance und Blending zu anderen Stimmgruppen.
  • Erleichtert Intonation und freie Tonproduktion durch die gute Hörbarkeit der eigenen Stimme, da man mit benachbarten Sängern keine gemeinsame Grundfrequenz teilt.
  • Erschwert Blending und Balance innerhalb der Stimmgruppe.
  • Führt häufig zu Verunsicherung schwächerer Sänger.
  • Erschwert dirigistische Hinwendung.

Neben den genannten „klassischen“ Chorformationen gibt es einen weiteren Ansatz, der versucht etwaige negative Effekte der beiden Aufstellungsformen zu umgehen. Hybride Chorformationen sind bisher jedoch wenig verbreitet (siehe nächste Seite).

6 Gedanken zu „Choraufstellungen – Ein Überblick

  1. Ist es sinnvoll, wenn große Sänger in einem Männerchor ständig in der ersten Reihe stehen. Ich glaube kaum, da sie damit den Sichtkontakt der dahinten stehenden Sänger hindern. Außerdem verpufft dahinter die Stimmqualität der der hinter ihnen stehenden Sänger.

    1. Wenn die hintere Reihe von der Vorderreihe verdeckt wird, ist das weder optisch noch akustisch optimal. Nach Möglichkeit sollte man so versetzt stehen, dass jeder Sichtkontakt zum Dirigierenden aufnehmen kann. Bei gleichzeitiger Erhöhung der hinteren Reihe trägt es nachweislich zu einem besseren Chorklang bei.
      Sollte die Erhöhung aber durch die örtlichen Begebenheiten — z. B. keine Chorpodeste — nicht möglich sein, könnte man in der Tat erwägen, die Chorsänger nach Körpergröße zu platzieren, sofern die Stimmgruppen beibehalten werden können.
      Der ein oder andere wird allerdings Zeit brauchen um sich an seine neue Position zu gewöhnen. Das darf man nicht unterschätzen.
      Sprechen Sie Ihre Bedenken doch einfach bei Ihrer/m Chorleiter/in an. Entweder verweist sie/er auf triftige Gründe für diese Art der Choraufstellung oder nimmt ihren Impuls dankbar an.

  2. Ich habe kürzlich einen neuen Chor übernommen und die haben eine sehr seltsame Aufstellung, die ich vorher noch nicht kannte:
    Hinten: Männer (der Chor ist derzeit nur dreistimmig)
    Vorne: Alt Sopran

    Alt und Sopran sind also vertauscht. Ist das sinnvoll? Oder wäre die klassische Choraufstellung besser? Herzlichen Dank für die Antwort, Elisabeth Pütz

    1. Entschuldigen Sie bitte meine späte Reaktion. Ich denke, dass es bei Ihrem dreistimmigen Chor keinen Unterschied macht. Vierstimmige Chöre werden gerne so platziert, dass Außenstimmen – im gemischten Chor Sopran und Bass – voreinander stehen. Man erhofft sich davon, dass sich dadurch die Intonation stabilisiert, da der Sopran den Bass besser hören und zu ihm intonieren kann. Wenn die Männer aber ohnehin einstimmig singen, steht der Sopran sowieso immer vor der tiefsten Stimme. Insofern ist es nicht relevant, ob sie als Sopran/Alt oder Alt/Sopran vor dem Bass platziert sind. Es ist bzw. war lediglich für Sie eine Umstellung. Und das scheint mir einfacher realisiebar zu sein, als wenn sich zwei Stimmgruppen an eine neue Aufstellung gewöhnen müssen.
      Manchmal möchte man aber gerade dadurch „neuen Schwung“ reinbringen. Daher würde ich Sie dazu ermutigen wollen, durchaus mit neuen Aufstellungen zu experimentieren. Im obigen Artikel finden Sie vielleicht einige Anregungen für jene Aspekte, an denen Sie gerade mit Ihrem Chor arbeiten; sei es Intonation, Chorklang oder eine erleichterte Stimmproduktion.

  3. Vielen Dank für diese ausführliche Liste über Choraufstellungen und Ihren Blog. Ich hoffe Sie haben nichts dagegen, wenn ich meine Schüler auf Ihre Seite verweise. Manchmal ist es nämlich gut wenn man sich einen größeren Überblick über ein Thema verschafft, um die Unterkategorien besser einordnen zu können. Hier ist Ihnen das sehr gelungen!

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